Brasilien / Umwelt

Neue gefährliche Pestizide in Brasilien legalisiert

Mit der Genehmigung 33 weiterer Pestizide erreicht die Regierung Bolsonaro einen Rekord bei der Ackergift-Zulassung binnen 28 Monaten

pestizide_spritzmittel_in_brasilien_1_c_daniel_beltra_greenpeace.jpg

Pestizide werden in Brasilien teilweise auch mit dem Flugzeug gespritzt
Pestizide werden in Brasilien teilweise auch mit dem Flugzeug gespritzt

Brasília. Die 28 Monate Amtszeit von Präsident Jair Bolsonaro ist von einer anhaltenden Welle der Genehmigung neuer Pestizide gekennzeichnet, die den brasilianischen Markt überschwemmen (amerika21 berichtete mehrfach). Viele davon sind in der Europäischen Union verboten, weil sie der menschlichen Gesundheit und der Umwelt erheblichen Schaden zufügen.

Dazu gehören zum Beispiel das für Bienen gefährliche Insektizid Fipronil von BASF oder das Insektizid Chlorpyrifos von Bayer, das in zahlreichen landwirtschaftlichen Kulturen verwendet wird. Zu den Symptomen einer akuten Pestizidvergiftung mit Chlorpyrifos gehören beispielsweise Tränenfluss, Schwindelgefühl, Verwirrung und Körperschwäche. Die US-Umweltschutzbehörde EPA hat es als möglicherweise krebserregend für Menschen eingestuft, während eine Bewertung der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit seine genotoxischen (Erbgut-schädigende) und neurologischen Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern bestätigt hat.

Die neuesten 33 Pestizid-Zulassungen erfolgten Anfang April. Damit hat die Regierung Bolsonaro den Rekord von 1.172 Zulassungen binnen nur 845 Tagen Regierungszeit erreicht – das heißt durchschnittlich 1,39 neu zugelassene Pestizide täglich. Aufgrund dieser Zulassungsschwemme sind in Brasilien mittlerweile 3.231 Pestizide auf dem Markt. Dementsprechend ist die Regierung Bolsonaro für 36 Prozent aller Pestizide verantwortlich, die in Brasilien legal gekauft werden können. Von der neuen Zulassung profitieren erneut viele Unternehmen mit Sitz in China, die inzwischen für die Produktion von 76 Prozent der in Brasilien zugelassenen Pestizide verantwortlich sind.

Sie schätzen unsere Berichterstattung?

Dann spenden Sie für amerika21 und unterstützen unsere aktuellen, hintergründigen und professionellen Beiträge über das Geschehen in Lateinamerika und der Karibik.

Damit alle Inhalte von amerika21.de weiterhin für Alle kostenlos verfügbar sind.

Ihr amerika21-Team

Ein weiterer wiederkehrender Aspekt der vom Ökologie-Professor Dr. Marcos Pedlowski als "Pestizid-Tsunami" bezeichneten Ackergift-Zulassungs-Schwemme der Regierung Bolsonaro ist die wiederholte Zulassung von Pestiziden, die andernorts verbotene Wirkstoffe enthalten, obwohl sie nachweislich der menschlichen Gesundheit und den Ökosystemen der Umwelt schweren Schaden zufügen. So sind zehn der mit dem jüngsten Verwaltungsakt zugelassenen Pestizide in der EU verboten.

Unter den in Brasilien zugelassenen Substanzen sind zwei besonders hervorzuheben: Atrazin und Fipronil, deren Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit (Atrazin) und auf nützliche Insekten wie Bienen (Fipronil) nicht nur wissenschaftlich, sondern auch von Regierungsbehörden zum Beispiel in der EU solide dokumentiert sind. Im Fall von Fipronil, das von Bolsonaros Regierung in Brasilien eingeführt wurde, erreicht die Gesamtzahl der zugelassenen Produkte mit diesem Wirkstoff 25, was starke Auswirkungen auf die Bienenpopulationen im Land haben wird. Im Fall von Atrazin beträgt die Gesamtzahl der von der Regierung Bolsonaro freigegebenen Produkte 22, trotz aller vorhandener Beweise, dass diese Substanz negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit hat. Die Exposition von Müttern gegenüber Atrazin im Trinkwasser etwa führte zu niedrigem Fötus-Gewicht, Herz- und Harnwegsdefekten, zusätzlich zur Entwicklungsverzögerung bei Föten und einer Verringerung der fötalen Überlebensrate. Es wird auch mit Brust- und Prostatakrebs in Verbindung gebracht und gilt als endokriner Disruptor, also als Stoff, der bereits in geringsten Mengen durch Veränderung des Hormonsystems die Gesundheit schädigen kann.

Am problematischsten ist Pedlowski zufolge, dass die kumulativen Wirkungen dieser Vielzahl hochgefährlicher Pestizide und ihre gesundheitlichen Auswirkungen auf natürliche Ökosysteme, Gewässer und der in Brasilien konsumierten und exportierten Lebensmittel von derselben Behörde, der Nationalen Gesundheitsaufsichtsbehörde (ANVISA), stark vernachlässigt werden. Gleichzeitig wende dieselbe Behörde eine Verzögerungstaktik bei der Zulassung von Impfstoffen gegen Covid-19 an. Laut Pedlowski erstreckt sich die von ANVISA selbst gepriesene Sorgfalt nicht auf die inflationäre Zulassung von Pestiziden, was die Orientierung der Regierung Bolsonaro und seiner Agrarministerin Tereza Cristina Corrêa da Costa Dias verdeutliche.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr