Corona in Lateinamerika: Krise für die Mehrheit, Superreiche profitieren

Millionen im informellen Sektor zwischen Kampf um Einkommen und Infektionsrisiko. Milliardäre vergrößern ihr Vermögen

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Immer mehr Menschen in Lateinamerika rutschen aufgrund der Corona-Krise in die Armut ab
Immer mehr Menschen in Lateinamerika rutschen aufgrund der Corona-Krise in die Armut ab

Nairobi. Eine aktuelle Oxfam-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Corona-Pandemie enorme Auswirkungen auf die Lebenssituation der Menschen in Lateinamerika und der Karibik hat. Die Folgen sind allerdings nicht für alle gleich. Große Teile der in der Region lebenden Bevölkerungen sind neben einem schwachen Gesundheitssystem auch einer zunehmend prekären wirtschaftlichen Lage ausgesetzt. Eine dünne Schicht von Superreichen hat indes von der Krise profitiert.

Der 1942 im britischen Oxford gegründete Verbund internationaler Hilfs- und Entwicklungsorganisation mit heutiger Zentrale in Nairobi hatte die Studie am vergangenen Montag veröffentlicht. Für die darin aufgestellten Berechnungen der Vermögen nutzte Oxfam Zahlen des Wirtschaftsmagazins Forbes.

Bereits vor der Corona-Krise wurden Lateinamerika und die Karibik als die Region mit den größten Ungleichheiten weltweit bezeichnet. Die aktuelle Situation verstärkt diese Asymmetrien und vergrößert somit die Schere zwischen Arm und Reich, stellt die Studie heraus. 52 Millionen Menschen laufen demnach Gefahr, aufgrund der Pandemie und deren Auswirkungen in die Armut abzurutschen. Ausschlaggebend sind sowohl die steigende Arbeitslosigkeit als auch die Tatsache, dass 140 Millionen Menschen im informellen Sektor tätig sind. Dies entspricht mehr als der Hälfte der dort arbeitenden Bevölkerung. Der alltägliche Kampf, sich finanziell über Wasser zu halten, kollidiert mit den geminderten Chancen, sich vor einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen.

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Die zunehmende Verarmung steht im Kontrast zu den anwachsenden Besitztümern einiger Superreichen in Lateinamerika und der Karibik. So konnten laut der Studie 73 Milliardäre ihr Vermögen im Zeitraum von März bis Juni um über 48 Milliarden US-Dollar vergrößern.

Oxfam stellt die Schätzung auf, dass der Pandemie geschuldet im Jahr 2020 über 113 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen wegfallen werden, was etwa 59 Prozent der Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen entspricht. Um dem entgegenzuwirken, fordert die Organisation entsprechendes Handeln von den Regierungen. Als eine grundlegende Maßnahme wird das Erheben einer Vermögenssteuer angesehen. Eine solche wird zum aktuellem Zeitpunkt nur in den lateinamerikanischen Ländern Argentinien, Kolumbien und Uruguay umgesetzt. Die Hilfsorganisation unterbreitet den Vorschlag, Nettovermögen von mehr als einer Million US-Dollar mit einer Steuer zwischen 2 und 3,5 Prozent zu belasten. Die Steuereinnahmen der lateinamerikanischen Länder könnten damit jährlich um 14 Milliarden US-Dollar ansteigen. Diese Gelder sollten anschließend wiederum in das Gesundheitswesen investiert werden, so die Studie der Hilfsorganisation.

Auch Unternehmen, die von der Corona-Pandemie profitieren, sollten laut Oxfam zur Kasse gebeten werden. Dazu zählen besonders Firmen im pharmazeutischen Sektor wie auch große Vertriebs- und Logistikketten sowie Unternehmen im Bereich der Telekommunikation und der Digitalwirtschaft. Eine Steuer für Unternehmen zu erheben, die in Krisenzeiten mehr Umsatz als zuvor verzeichnen, wäre nicht neu. Diese Maßnahme wurde bereits nach den zwei Weltkriegen in verschiedenen Ländern eingesetzt. Eine solche Steuer wäre zeitlich begrenzt, bis die Wirtschaft sich wieder erholt hätte.

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