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"Unsere Kinder lernen Kommunismus": Konservative in Peru greifen Bildungs-TV an

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Viele Peruaner – insbesondere diejenigen die neben Spanisch noch eine autochthone Landessprache sprechen – werden für ihren sprachlichen Akzent diskriminiert.
Viele Peruaner – insbesondere diejenigen die neben Spanisch noch eine autochthone Landessprache sprechen – werden für ihren sprachlichen Akzent diskriminiert.

Lima. Ein Beitrag über Sprachvielfalt im staatlichen Bildungsfernsehen hat eine Welle der Empörung unter Konservativen verursacht und holt längst überwunden geglaubte Debatten an die Oberfläche zurück. Linguisten und Kulturschaffende zeigen sich besorgt.

Die bereits 16 Jahre alte TV-Dokumentation, die im Zuge des staatlichen Bildungsfernsehens während dem Covid-19 bedingten Lockdown erneut ausgestrahlt wurde, scheint eigentlich nur allgemein bekanntes Wissen zu verbreiten: In Peru gibt es verschiedene gesprochene Variationen des Spanischen, beeinflusst durch die kulturelle und sprachliche Vielfalt des Landes. In dem Beitrag kommen Peruaner aus den verschiedensten Regionen des Landes zu Wort, die ihre jeweiligen Akzente und Redewendungen präsentieren. Dabei berichten sie auch von Erfahrungen, bei denen sie aufgrund ihrer Art des Sprechens diskriminiert wurden.

Doch bereits diese simple Darstellung verschiedener Lebensrealitäten genügte, um die Limaer Eliten und die politische Rechte zu provozieren: In Anspielung auf den Namen des Bildungsprogramms "Aprendo en casa" (Ich lerne zuhause) veröffentlichte der Journalist Jaime Althaus seine wöchentliche Kolumne unter der provokanten Überschrift "Aprendo comunismo en casa" (Ich lerne Kommunismus zuhause). Die konservative Boulevardzeitung Perú 21 titelte: "Das Bildungsministerium lernt es nie: 'Aprendo en casa' verbreitet verwirrende und ideologisierte Inhalte." Ihre Chefredakteurin Cecilia Valenzuela twitterte, das Ministerium sei "seit Jahren infiltriert: Von denjenigen, die das Bild der Terroristen rein waschen und den Schülern marxistische Ideen einpflanzen wollen".

Damit spielt sie auf den maoistischen "Leuchtenden Pfad" und andere Guerrilla-Gruppen an, die in den 1980er und 90er Jahren mit dem peruanischen Staat in einen bürgerkriegsähnlichen Konflikt verwickelt waren, dem insgesamt 70.000 Menschen zum Opfer fielen.

Linguistin Virginia Zavala Cisneros kritisiert dieses "Totschlagargument des Terrorismus", mit dem in Peru jedes kritische Denken disqualifiziert werde: "Wir Linguisten wissen, dass sich hinter leidenschaftlichen Debatten über die Sprache immer eine politische Agenda versteckt." Anstatt eine falsche nationale Harmonie vorzuheucheln, müsse die Existenz sozialer Ungerechtigkeiten und Machtverhältnisse anerkannt werden. "Machtdynamiken legitimieren Diskriminierung und die Sprache reproduziert diese Dynamiken in ihrem täglichen Gebrauch."

Poet und Buchautor Jaime Rodríguez Z. zeigt sich ebenfalls besorgt über die Art und Weise, mit der längst bekannte Realitäten nun erneut infrage gestellt werden. In der spanischen Ausgabe der Washington Post berichtet er von den Erfahrungen seiner Großeltern, die ihre Muttersprache Quechua aus Angst vor Diskriminierung nicht an ihre Kinder weitergaben. "Der Umstand, dass es immer noch gesellschaftliche Gruppen in Lima gibt, die das alles für eine Übertreibung oder – schlimmer noch – für ideologische Indoktrinierung halten, enthüllt die abgrundtiefen Abstände, die die sozialen Schichten dieses Landes voneinander trennen."

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