Crash vor Venezuela: Kreuzfahrtschiff RCGS Resolute steckt in Karibik fest

Justiz verweigert Weiterfahrt und verhandelt Klage aus Caracas. Deutsche Medien hatten Fall fehlerhaft dargestellt

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Schüsse vor den Bug: Szene aus dem Video der venezolanischen Marine
Schüsse vor den Bug: Szene aus dem Video der venezolanischen Marine

Willemstad/Caracas/Hamburg. Die Justiz auf der niederländischen Antilleninsel Curaçao hat den Besitzern des portugiesischen Kreuzfahrtschiffes RCGS Resolute, das Anfang April in einen schweren Zwischenfall vor der venezolanischen Küste verwickelt war, die Freigabe und Weiterfahrt des Schiffs verweigert. Die Resolute war in den frühen Morgenstunden des 30. März mit dem venezolanischen Patrouillenschiff Naiguatá kollidiert, das daraufhin sank. Venezuela wirft der Besatzung der Resolute vor, das Patrouillenschiff vorsätzlich gerammt zu haben. Die Hamburger Managementfirma Columbia Cruise Services und der Flaggenstaat Portugal geben der venezolanischen Marine die Schuld. Dieser Auffassung sind die Richter in Curaçao nun zunächst nicht gefolgt.

Die Zivilgerichte in Curaçao müssen nun nach lokalem Recht binnen maximal acht Wochen über die Klage der venezolanischen Seite entscheiden, hieß es aus lokalen Justizkreisen. Venezuela verlangt Schadensersatz für das gesunkene Militärschiff. Das gesamte Verfahren kann voraussichtlich zwei bis drei Jahre dauern. Im Kern geht es um die Frage, wer für den verheerenden Zwischenfall vor der venezolanischen Insel La Tortuga verantwortlich ist. In der deutschen Presse war eine Pressemitteilung der Hamburger Managementfirma Columbia Cruise Services mit der Schuldzuweisung gegenüber der venezolanischen Marine zunächst unkritisch übernommen worden.

Kurz nach Mitternacht habe sich der RCGS Resolute ein bewaffnetes venezolanisches Marineschiff genähert, das über Funk die Absichten der Resolute in Frage stellte und den Befehl gab, ihm auf die Isla Margarita zu folgen, hieß es am Tag nach dem Zwischenfall aus Hamburg. "Da sich der RCGS Resolute zu diesem Zeitpunkt in internationalen Gewässern befand, wollte der Kapitän diese spezielle Anfrage bestätigen, die zu einer schwerwiegenden Abweichung von der geplanten Schiffsroute geführt hätte", so Columbia Cruise Services in Hamburg. Während der Kapitän mit der Zentrale in Kontakt war, seien Schüsse abgegeben worden, kurz darauf habe sich das Marineschiff der Steuerbordseite genähert und absichtlich eine Kollision mit der RCGS Resolute provoziert. "Das Marineschiff fuhr fort, den Bug an Steuerbordseite zu rammen, in einem offensichtlichen Versuch, den Kopf des Schiffes in Richtung venezolanische Hoheitsgewässer zu drehen", so Columbia Cruise Services.

Die RCGS Resolute wurde 1991 in Finnland gebaut. Seerechtlich ist der derzeitige Flaggenstaat Portugal verantwortlich. Lissabon wird die Seeamtsverhandlung wohl aus praktischen Gründen in Curaçao belassen. Vom kanadischen Reeder bzw. Reiseveranstalter One Ocean Expeditions war seit dem Zwischenfall im karibischen Meer nichts zu hören. Das Hamburger Management veröffentlichte eine Erklärung, in der es jede Verantwortung der eigenen Crew zurückweist.

Die GC-23 Naiguatá war ein Küstenkontrollboot der Guaicamuto-Klasse der venezolanischen Marine. Es war zwar in Spanien 2008 unbewaffnet zu Wasser gelassen worden, später aber mit einer Kanone des Typs Oto 76/62 Super Rapid sowie achtern über dem Helideck einem automatischen Schnellfeuergeschütz GDM-008 Millennium des deutschen Unternehmens Rheinmetall nachgerüstet worden. Diese Bewaffnung entspricht Nato-Standard. Ein nicht unwichtiges Detail: Der Einsatz jedes der beiden Geschütz hätte gereicht, das Passagierschiff zu versenken.

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Bei den Anhörungen vor Gericht in Curaçao hätten Crewmitglieder nun jedoch eingestanden, sich zum Zeitpunkt der Kontrolle durch die Naiguatá in venezolanischen Gewässern befunden zu haben, so Venezuelas Anwalt Berti Braam gegenüber amerika21. Ein entsprechendes Eingeständnis war auch in Mitschnitten des Funkverkehrs zwischen den beiden Schiffen zu hören, der von der venezolanischen Marine nach dem Zwischenfall veröffentlicht worden war. Im Zuge der venezolanischen Entschädigungsklage werden nun auch die elektronischen Karten und der Schiffsdatenschreiber ausgewertet.

Die Folgen für den Eigner Bunnys Adventure and Cruise Shipping Co. Ltd mit Sitz auf den Bahamas könnten erheblich sein. Braam beziffert den Wert der gesunkenen Naigautá auf rund 125 Millionen Euro. Die nicht mehr ganz so neue Resolute sei mutmaßlich noch 20 Millionen Euro Wert, sagte der nun. "Über die Höhe der Garantiezahlungen durch den Eigner wird jetzt verhandelt werden, wahrscheinlich wird da eine Gerichtsentscheidung nötig", so Braam. Der Zwischenfall vor Venezuela dürfte damit zum Desaster für die involvierten Unternehmen werden. Der letzte Reiseanbieter, das kanadische Unternehmern One Ocean Expeditions, ist bereits vor wenigen Wochen mit Millionenschulden pleite gegangen.

Klar ist aber schon jetzt, dass die Berichterstattung in einigen deutschen Medien kein journalistisches Ruhmesblatt war. Mutmaßlich aus politischer Motivation heraus waren Anfang April hämische Artikel publiziert worden. "Kriegsschiff rammt deutsches Passagierschiff – und sinkt" schrieb Springers Bild, "Patrouillenboot rammt Kreuzfahrtschiff: Treffer... und selbst versenkt", titelte der Berliner Tagesspiegel süffisant und ohne jedwede Belege.

Zudem wird im Zuge des Rechtsstreit in Curaçao geklärt werden, was an Bord der Resolute geschah und wie es zu der Kollision kam. Während die venezolanische Regierung über ein mutmaßliches Söldnerkommando an Bord spekulierte, schließt Anwalt Braam Schmuggelgeschäfte nicht aus. Die Versionen vom Management und aus Portugal jedenfalls werfen immer mehr Fragen auf.

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