Frauen in Lateinamerika: Im Kampf gegen Morde und rechte Politik

Riesige Proteste in Chile, Mexiko, Brasilien und Argentinien. Frauenmorde und antifeministische Positionen neuer Rechter im Fokus

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In Santiago de Chile fand am Frauentag 2020 eine der größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes statt
In Santiago de Chile fand am Frauentag 2020 eine der größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes statt

Mexiko-Stadt/Santiago/São Paulo/Buenos Aires/Berlin. Am internationalen Frauentag sind in Lateinamerika Hunderttausende für Gleichberechtigung, gegen antifeministische Positionen und Frauenmorde auf die Straße gegangen. Allein im Zentrum der chilenischen Hauptstadt Santiago versammelten sich am Sonntag mehr als zwei Millionen Menschen, um gegen die rechtskonservative Regierung, sexuelle und körperliche Gewalt sowie die staatlichen Menschenrechtsverletzungen zu demonstrieren. Die größten Demonstrationen fanden darüber hinaus in Mexiko, Argentinien und Brasilien statt.

In Chile waren am Sonntag bereits in den Morgenstunden Straßen und Nahverkehr überfüllt. Bis in den Nachmittag hinein drängten sich Menschen in die Straßen der Innenstadt. Es war eine der größten Demonstrationen in der Geschichte des Landes. Die Polizei ging vor dem Präsidentenpalast mit Tränengas, Reiterstaffeln und Wasserwerfern gegen die Demonstrierenden vor. Der Fernsehsender Chilevision berichtete zudem über Übergriffe der Polizei gegen Ersthelfer.

Die Teilnehmerinnen kritisierten auf der Demonstration die restriktive Regelung zum Schwangerschaftsabbruch, forderten Maßnahmen gegen Morde an Frauen und zeigten sich als Teil der monatelangen Protestbewegung gegen die rechtskonservative Regierung von Präsident Sebastián Piñera und das neoliberale System.

In der mexikanischen Hauptstadt Mexiko-Stadt protestieren über 100.000 Menschen unter dem Slogan "Ni una más, ni una asesinada más!" (Keine weitere ermordete Frau mehr!), insbesondere gegen die zunehmenden Feminizide im ganzen Land. An der Spitze des Protestzuges liefen die Angehörigen von Tausenden verschwundenen und ermordeten Frauen. Sie forderten Gerechtigkeit und seriöse Ermittlungen, um die Täter vor Gericht zu stellen.

Dahinter marschierte eine Gruppe von Frauen mit ihren kleinen Töchtern. Sie hatten Transparente dabei, auf denen zu lesen war "In Mexiko ist es ein Risiko, ein Mädchen zu sein". Sie prangerten damit die zunehmenden Entführungen, Vergewaltigungen und grausamen Morde an kleinen Mädchen an. Studentinnen und Dozentinnen aus verschiedenen Universitäten Mexikos forderten mehr Sicherheit innerhalb der Uni-Campus sowie die sofortige Entlassung von Professoren und Universitätsmitarbeitern, die Studentinnen und Kolleginnen sexuell belästigen.

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Obwohl die wichtigsten Monumente und Denkmäler in Mexiko-Stadt von Polizisten geschützt wurden, gelang es den Demonstrantinnen, diese mit lila und pinker Farbe zu bemalen. Die Aktivistinnen kritisierten damit, dass die Regierung und die konservativen Gruppen des Landes sich empören, wenn Denkmäler gefärbt werden, jedoch schweigen, wenn eine Frau im Land ermordet wird. Bevor sich der zentrale Zocalo-Platz in der Hauptstadt füllte, schrieben Mitgliederinnen des Kollektivs "Colectiva SJF" dort 3.000 Namen von im Jahr 2019 ermordeten Frauen.

Aktivistinnen der Gruppe Sor Juanas 9M-Berlin demonstrierten in der deutschen Hauptstadt in Solidarität mit dem Frauenstreik in Mexiko vor der Botschaft des Landes. Vom mexikanischen Staat forderten sie die Ausarbeitung klarer Strategien und öffentlicher Maßnahmen zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Die Kundgebung in Berlin war Teil weltweiter Aktionen, an denen mehr als 1.000 Mexikanerinnen in mehr als 40 Länder teilnahmen.

"Während der Demonstration wird ein Aufforderungsschreiben an den Botschafter Rogelio Granguillhome Morfín als Vertreter des mexikanischen Staats in Deutschland überreicht, damit auch die Stimme mexikanischer Frauen im Ausland gehört wird", hieß es im Aufruf zu der Kundgebung. Feminizide seien auch in Mexiko das Ergebnis struktureller Gewalt gegen Frauen. Die Eskalation dieser Gewalt sei Ergebnis des Fehlens einer wirksamen Politik. Mexikos Regierung sei aufgefordert, den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten.

In Brasilien gingen in über 70 Städten wie São Paulo oder Rio de Janeiro Frauen auf die Straße. Die Kritik richtete sich dabei auch gegen die Politik der ultrarechten Regierung von Präsident Jair Bolsonaro. Das vielfach vertretene Motto der Proteste lautete: "Wir wehren uns, um zu leben, wir marschieren, um zu verändern".

Auch in Argentinien gab es große Proteste. Ein zentrales Thema war dort die Entkriminalisierung der Abtreibung. Am Montag folgte in dem südamerikanischen Land, wie auch in Mexiko, ein Generalstreik der Frauen. Dort hatte der Streik Auswirkungen auf viele Bereiche des öffentlichen Lebens wie Schulen, Banken und Unternehmen.

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