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Venezuela zwischen Weihnachten und Widerstand

Die venezolanische Journalistin Jessica Dos Santos über Traditionen und das Christfest in Krisenzeiten

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Feiern im Paseo Los Próceres in Caracas, Venezuela
Feiern im Paseo Los Próceres in Caracas, Venezuela

Caracas. Vor einigen Tagen habe ich für einen journalistischen Bericht Interviews in den Straßen von Caracas geführt. Ich fragte die Menschen, wie sie sich während dieser Feiertage fühlen und wie sie das dritte, vierte oder fünfte Weihnachten während dieser Krise erleben. Wer zählt die Krisenweihnachten eigentlich noch mit?

Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren sich einig. Die Lage ist komplett verfahren. Aber wir Venezolaner lassen uns die Weihnachtsstimmung nicht vermiesen. Wir glauben fest daran, dass wir eine freudige Weihnachtszeit verdienen.

Wir sind wie Langstreckenläufer, die sich über weite Teile der Strecke ausgebrannt fühlen, um dann jäh die Ziellinie ins Visier zu nehmen: 2020. Wir schauen uns um, blicken auf alle, die schon immer dabei waren, lächeln und rufen ihnen zu: "Wir haben es geschafft, verdammt", während wir die Umstehenden umarmen.

In meinem Fall habe ich dieses Jahr meine letzten paar US-Dollar für einen kleinen Weihnachtsbaum ausgegeben. Das Geld erlaubte keine Dekoration. Aber das war mir gleich. Als ich bezahlte, erinnerte ich mich an ein satirisches Bildchen. Es zeigte eine Katze, die als Weihnachtsstern verkleidet war. Darüber stand: "Wenn man das wird, was man immer verachtet hat".

Ich musste plötzlich daran denken, dass die Jessica von vor ein paar Jahren den Dezember hasste und alle aufzog, die ihre Häuser dekorierten. Auf die eine oder andere Weise erschien mir damals das ganze Fest wie eine Ode an die Konsumgesellschaft, voller unnötiger und ungerechter Verschwendung, eine Erfindung von Coca-Cola, verpackt in hohen Dosen sozialer Heuchelei.

Was ist also mit mir geschehen? Bin ich weich geworden? Werde ich alt? Denn in meinem Fall kann ich nicht einmal argumentieren, dass ich Kinder bekommen habe und mich das zur Änderung meiner Einstellung bewogen hat.

Nein, tief im Inneren bin ich immer noch derselben Meinung. Aber diese Krise hat uns so oft so hart getroffen. Warum also nicht jeden Waffenstillstand und kleinen Sieg feiern? Warum sich nicht eines Festes freuen, das die Gesellschaft mit einer eigenen Art kollektiven Glücks erfüllt?

¡Dale, pues!

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Vor ein paar Tagen entschied ich mich, diese Gedanken über Instagram zu teilen. Binnen weniger Minuten erhielt ich jede Menge Direktnachrichten, von Freunden wie von Fremden, die mir Weihnachtsbeleuchtung in gutem Zustand, glitzernde Dekorationen, ein ausgestopftes Rentier und eine aus Lehm gefertigte Krippe anboten. Ist dies nicht ein schönes Beispiel dafür, wer und was wir sind?

In diesem Dezember werde ich also auf diejenigen von uns anstoßen, die trotz der rücksichtslosen Angriffe von verschiedenen Fronten, die wir in den letzten Monaten haben verkraften müssen, nicht von unserer Freundlichkeit und Freude ablassen wollten. "Am Ende der Reise sind Du und ich unversehrt; es bleiben diejenigen von uns, die inmitten des Todes lächeln können, am helllichten Tag", wie Silvio Rodríguez dichtete.

Ich erhebe mein Glas, weil wir ein großes Volk sind, das niemanden zurücklässt, weil wir darauf bestehen, denjenigen zu helfen, die den Problemen nicht entrinnen können. Weil wir immer eine helfende Hand ausstrecken, egal wie oft diese Hand ausgeschlagen wurde.

2019 war ein sehr hartes Jahr. Die US-Blockade hat sich verschärft, und die Regierung war der Herausforderung bisher nicht gewachsen. Ich glaube, wir alle haben mehr als einmal gespürt, wie etwas in uns zerrissen ist. Einige feiern das Jahresende mit ihren weit entfernten Verwandten, die von der Migrationswelle, die wir erlebt haben, mitgerissen wurden. Andere verbringen es mit einem geliebten Menschen, der unter gesundheitlichen Problemen leidet, und kämpfen zugleich mit den ernsten wirtschaftlichen Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen. Aber ich bin mir sicher, dass wir alle mindestens eine Erinnerung an die unendliche Solidarität teilen, die wir erhalten haben. Und Akte der Nächstenliebe tendieren stets dazu, sich zu vervielfachen.

"Obwohl unser Konsum geringer ist, haben wir Venezolaner geplant, wir haben uns organisiert, besonders diejenigen in eng verbundenen Familien, haben für unsere Hallacas, einem traditionellen Weihnachtsessen, Pan de Jamón, unsere Weihnachtssüßigkeiten gespart. Und wir werden zusammenkommen, es wird Musik geben, wir werden tanzen, weil die Venezolaner so sind", sagte Desiree Dasa, die letzte Person, mit der ich für meinen Bericht gesprochen habe.

Und ja, genau das werden wir tun. Weil die venezolanische Weihnachtsküche göttlich ist. Und während man den Gaitas, den traditionellen Weihnachtsliedern zuhört und tanzt, schmeckt sie noch besser. Wenn Sie also Venezolaner kennen, zögern Sie nicht eine Sekunde: Kommen Sie mit zu ihren Feiertagsfesten. Hier, dort und überall. Was auch immer es braucht, wir werden feiern.

Schöne Feiertage also und möge das Jahr 2020 voller Siege sein!

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